Montag, 20. November 2017

Letztes Update 22.03.2016 22:37

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Saudi-Arabien`s Geister

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Bild: bpb.deWas heute in Syrien passiert, ist fast eine Wiederholung der Geschichte von vor 34 Jahren, als die Sowjetunion im Dezember 1979 in Afghanistan einmarschiert war. Dieses Ereignis ist im Bewusstsein der westlichen und der muslimischen Welt noch immer sehr präsent, galt es doch für die USA, die Supermacht UdSSR irgendwie zu stoppen und für die Muslime, die gottlosen Russen von muslimischem Boden zu verjagen. Für die Afghanen waren es Invasoren, wie es sie in der Geschichte schon etliche gab.
 
Zuletzt versuchten es ja die Briten, ihre koloniale Hegemonie über dieses Gebiet zu errichten und holten sich dabei mehr als nur ein blaues Auge. Bekannt ist auch, dass die USA Unmengen an Waffen und Geld an die damals noch wenig verstandenen afghanischen Mujahedeen weiterleiteten, welche aber zuvor durch den pakistanischen Geheimdienst ISI kanalisiert und koordiniert wurden und schliesslich denjenigen Kriegsfürsten zugutekamen, welche sich durch Brutalität auf dem Schlachtfeld, aber auch durch fanatische Islamisierung ihrer Schutzbefohlenen, auszeichneten. Etwas weniger bekannt ist die Rolle Saudi-Arabiens in dieser "Kette". Zwar kennt man die Geschichten, wie Saudi-Arabien jeden Dollar, den die USA für den Krieg in Afghanistan ausgegeben haben, verdoppelten, um so die Waffenlieferungen angesichts des anfänglichen Widerstandes des US-Kongresses finanzieren zu können.
 
Was aber so gut wie gar nicht bekannt ist, ist die Tatsache, dass diese Invasion der Sowjetunion zu einem Zeitpunkt kam, der für die saudische Petromonarchie wie ein Geschenk Gottes gleich kam. Nur 35 Tage vor dem Einmarsch der Sowjets in Afghanistan, erlebte Saudi-Arabien nämlich hautnah, wie sich die eigenen Religionslehrlinge gegen die Monarchie erhoben und das Land bis ins Mark schockierten. Am 20. November 1979 besetzten hunderte Wahhabiten die Grosse Moschee von Mekka, das grösste Heiligtum des Islams, und forderten die Absetzung der korrupten und dekadenten saudischen Monarchie. Sofort wurde der Iran beschuldigt, für diese Blasphemie verantwortlich zu sein, das Land, das selbst eine Revolution durchgemacht und die verhasste Monarchie abgeschafft hatte. Nachdem sich aber herausgestellt hatte, wer der Anführer dieser "Truppe" war, klingelten die Alarmglocken im wahhabitischen Religionsestablishment.
 
Juhaiman al-Utaib, ein Offizier der saudischen Nationalgarde, stammte wie viele andere Rekruten der Nationalgarde auch, aus einer traditionellen Beduinengesellschaft. Allerdings wuchs Juhaiman in der Erinnerung an seines Vaters Niederlage im Kampf 1929 gegen König Abd al-Aziz Al Saud auf. Sein Vater Mohammed kämpfte Seite an Seite mit Sheikh al-Bijad, einem legendären Anführer der Ikhwan, der wahhabistischen Religionsarmee, die sich auf die Zeit von Ibn Abd al-Wahhab berief und die dem Geschlecht Al Saud massgeblich zum eigenen Königreich verhalf. König Al Saud verrat aber nach Meinung der Ikhwan den Schwur, den sein Vorfahre mit Abd al-Wahhab geschlossen hatte, nämlich sich strikt nach der Lebensweise des Propheten zu halten.
 
Juhaiman wuchs also in der streng wahhabistischen Glaubenslehre der Ikhwan und der Verachtung für das königliche Haus Al Saud auf. Während den Vorlesungen in Mekka kam er auch mit den Schriften des höchst einflussreichen blinden Sheikhs Abd al-Aziz Ibn Baz, der hier im weiteren Verlauf Bin Baz genannt wird, in Berührung. Sheikh Bin Baz erliess bereits 1940 eine heftige Fatwa, in welcher er die Anwesenheit der zu tausenden ankommenden Ausländer angriff, die in den Ölförderanlagen arbeiteten, in welchen erst 1938 die ersten Quellen erschlossen wurden. Bei diesen Arbeitern handelte es sich hauptsächlich um Amerikaner, - in den Augen von Bin Baz Ungläubige - und viele andere, deren blosse Existenz auf arabischem Boden nicht geduldet wurde und somit verboten sein sollte. Er griff sogar die Regierung an, weil sie in der Öffentlichkeit Bilder der königlichen Familie aufstellte und dies zur Verehrung eines Bildes führen könnte, auch wenn es sich dabei um den König handelte. Zigaretten, Alkohol und sogar Friseure sollten verboten werden, weil das alles der westlichen Sitte entsprach und daher gegen das islamische Gesetz war. Am schärfsten ging Bin Baz aber gegen die in den Kinderschuhen steckende Emanzipation der Stellung der Frau vor.
 
Solch eine dramatische Abkehr der Glaubenslehre von Muhammad ibn Abdul Wahhab konnte die ulama einfach nicht akzeptieren und Bin Baz begann in seiner Funktion als Dekan der Islamischen Universität, in der Heiligen Stadt Medina eine neue Bewegung aufzubauen, die die wahhabitische Lehre wieder im ganzen Land verkünden sollte. Diese Bewegung, Dawa Salafija al-Muhtasiba, fand rasend schnell Tausende von Anhängern im gesamten Königreich und indoktrinierte vor allem die Jugendlichen mit Ausflügen in die Wüste, wo sie nach Stunden im Gebet in mörderischer Hitze irgendwelche Wunder, sozusagen als Belohnung, vorgegaukelt bekamen (gekühlte Pepsi in der brütend heissen Wüste) und mit Speis und Trank verwöhnt wurden.
 

Bild: de.wikipedia.org

An solch einem „Ausflug“ nahm auch Juhaiman eines Tages teil und war sehr empfänglich für die verkündete Botschaft. Schnell stieg er in der Bewegung auf und führte schon bald genau jene „Ausflüge“ an, an denen er selber vor kurzem erst teilgenommen hatte. Je länger er die Botschaft von Abdul Wahhab studierte und die Fatwas von Bin Baz mit der Realität verglich, desto mehr kam er zum Schluss, dass das Königshaus Al Saud die eigene Glaubenslehre mutwillig ignoriert und das religiöse Establishment, die ulama, ihrer Pflicht der Wahrung der Tradition des Propheten Muhammad nicht nachkommt. Er beobachtete, wie sehr sein Land, das Königreich Saudi-Arabien, Hüter der heiligsten islamischen Stätten von Mekka und Medina, in nahezu totale Abhängigkeit des ungläubigen Westens und insbesondere der Vereinigten Staaten von Amerika geraten ist. Dieser Zustand hatte überhaupt nichts mit der überlieferten Überlegenheit des Islams zu tun! Aus diesem Grund fing Juhaiman an, eine Art Zusammenfassung seiner Gedanken und Kritik zu verfassen, was schlussendlich in einem höchst einflussreichen und gefährlichen Buch gipfelte. Das Buch hiess „Sieben Episteln“ und wurde in Kuwait gedruckt, um dann wieder ins saudische Königreich geschmuggelt zu werden.
 
Als seine Kritik am saudischen Königshaus auf immer mehr empfängliche Ohren stiess, landete der „Fall Juhaiman“ 1977 auf der Tagesordnung einer Konferenz von führenden Geistlichen in Medina. Wer nun dachte, dass hier kurzer Prozess mit Juhaiman und seiner aufwieglerischen Schrift gemacht würde, lag absolut daneben. Ganz im Gegenteil. Er fand sogar Gehör und Zuspruch bei vielen theologischen Gelehrten, die ihn verteidigten. Denn was Juhaiman ja geschrieben habe und wofür er einstehe, ist keinesfalls etwas Neues oder Fremdartiges, sondern schlicht und ergreifend das, was das Königreich von Anbeginn ausmachte, nämlich das Bekenntnis zur Lehre von Abdul Wahhab und seiner Bedingung für seine religiöse Unterstützung und schliessliche Legitimierung der Herrschaft des Gründervaters des Königreiches, Muhammad ibn Saud. Was könnte daran denn so Verwerfliches sein, wenn man sich auf seine religiösen Wurzeln beruft? Grundsätzlich stimme man darüber ein, verkündete am Schluss das Gremium, doch man müsse realistisch handeln und sich angesichts der kommunistischen Gefahr eben für das kleinere Übel entscheiden, für das Haus Al Saud.
 
Während es dem Klerus und dem Hause Al Saud allmählich dämmerte, mit was für einer Art von Bedrohung sie es zu tun hatten, dass es nicht iranische Agenten oder ausländische Terroristen waren, die die Grosse Moschee besetzt hielten, sondern ihre ureigenen vergessenen Wurzeln des Wahhabismus, schlug die grosse Stunde von Bin Baz. Damit der Gegenangriff auf die Grosse Moschee überhaupt beginnen konnte, bedurfte es einer expliziten Genehmigung des Klerus. Denn allen Beteiligten war klar, was ihr Prophet Muhammad selbst gesagt haben soll:
 
„Der Kampf in Mekka war niemandem vor mir erlaubt, noch wird er nach mir jemandem erlaubt sein. Es ist keinem von euch erlaubt, in Mekka Waffen zu tragen“.
 
Volle drei Tage dauerte es, bis die Beratungen der Kleriker beendet wurden und Sheikh Bin Baz die heiss ersehnte Fatwa erliess, die es den Soldaten erlauben würde, die Grosse Moschee zu stürmen. Diese „Erlaubnis“ für den Sturm musste sich der saudische König Khalid teuer erkaufen. Der oberste Hüter des religiösen Establishments forderte im Gegenzug vom Königshaus, sich wieder ihrer islamischen Pflichten bewusst zu werden und diese auch umzusetzen. Kein Alkohol, keine Frauen in der Öffentlichkeit, keine gesellschaftliche Liberalisierung. Dazu sollte ein grösserer Anteil der Einnahmen aus dem Erdölgeschäft dazu benutzt werden, um den wahhabitischen Islam weltweit zu propagieren.
 
Man kann sich nun sehr leicht vorstellen, wie ungeheuerlich froh das saudische Königshaus war, als nur einen Monat später wie aus dem Nichts eine Möglichkeit aufkam, die eigenen Geister zu vertreiben und sie in einen Heiligen Krieg, den Jihad, ins weit entfernte Afghanistan zu verwickeln. Immerhin stand dort eine gottlose und kommunistische Supermacht auf islamischem Grund und Boden, welche es zu bekämpfen galt und so von den eigenen Problemen abzulenken. In den Moscheen Saudi-Arabiens riefen die Prediger ihre wahhabitischen Brüder auf, die gottlosen Russen in Afghanistan zu bekämpfen und dort einen echten Jihad zu führen.
 
Abdullah bin Abdul al-Saud, saudischer Herrscher seit 2005 (Bild: de.wikipedia.org)Doch damit nicht genug. Bereits im September 1980, also nach nicht einmal einem Jahr nach der Besetzung der Grossen Moschee und der Invasion Afghanistans, bot sich den wahhabitischen Eiferern eine weitere Möglichkeit, ihre Ideologie, Geld und Kämpfer zur Verfügung zu stellen. Denn im September nutzte der irakische Diktator Saddam Hussein die Revolutionswirren im benachbarten Iran, um das Land anzugreifen. Für die Saudis bedeutete diese weitere Front ebenfalls eine Möglichkeit, der "islamischen Revolution", die von der anderen Seite des Persischen Golfs ausging, einen Riegel zu schieben. Wieder pumpten die Saudis Milliarden von Dollar in die Kriegskasse der bevorzugten Kriegsparteien und hielten ihre eigenen wahhabitischen Eiferer somit bei Laune.
 
Unvergessen dabei auch die ungeheuerliche Schande der USA, die sich nach den Giftgas- und chemischen Raketenangriffen der Iraker auf den Iran (und auf die eigene kurdische Minderheit) entschloss, eine Mauer des Schweigens zu errichten.
 
Beide Kriege, Afghanistan und Iran-Irak, dauerten fast gleich lang und bescherten dem Hause Al Saud eine Atempause von fast 10 Jahren. Danach kehrten viele Jihadisten wieder in ihre Heimat zurück und versuchten sich, mit dem Alltag zu arrangieren. Schon bald sollten sie wieder Wasser auf ihre Mühlen erhalten, als im Zuge der Planung für die "Befreiung" von Kuwait von den irakischen Truppen Tausende Amerikaner auf heiligem, saudischem Boden eintrafen. Nicht nur, dass es sich dabei um Ausländer (also Ungläubige) handelte, stiess den Wahhabiten sauer auf, sondern dass Juden, Christen und Frauen in den Reihen der Amerikaner ihren Dienst taten und Heiligen Boden besudelten. Wieder gerieten die Al Saud aufgrund ihrer kurzsichtigen Politik unter enormen Druck und mussten in aller Eile die Amerikaner in die Wüste verfrachten, damit es zu keinen Aufständen kommen konnte.
 
Die Jahre nach dem Golfkrieg, bis zum September 2001, sollten wieder zu den gefährlichsten für die Al Saud werden. Das Tauziehen rund um Osama bin Laden war dabei nur die Spitze des Eisbergs. Viel gefährlicher waren die Veteranen der Kriege von Afghanistan und Irak, die sich nach dem Horror eines Krieges nach einem neuen Lebenszweck sehnten und mit der schlechten wirtschaftlichen Situation in Saudi Arabien desillusioniert wurden. Bosnien, Tschetschenien und der Kosovo waren in dieser Zeit die bevorzugten Destinationen jener Wahhabiten, welche sich einfach nicht mehr mit einem normalen Leben abfinden konnten.
 
Mit dem endlosen "Krieg gegen den Terror", den die USA nach 9/11 entfachten, und erst Recht nach dem historischen Debakel im Irak 2003, ausgelöst durch den Wahn einiger weniger in Washington und Tel Aviv, fanden diese Jihadisten einen wahren Tummelplatz für ihre Ziele. Im Irak und Afghanistan bekämpften sie die "ungläubigen" Soldaten der USA und deren Alliierten. In Libyen sammelten sie sich nach dem Irak, um auch dort die "Marionette des Westens" zu stürzen, wie Gaddafi in diesen Kreisen genannt wurde. Als diese makabre Jagd schliesslich zu Ende ging und in der Hinrichtung des "Oberst" endete, bot sich sogleich die Möglichkeit, in Syrien einzuschreiten. Und das alles mit Billigung und Unterstützung von Mitgliedern der Al Sauds, welche sich grösste Mühe geben, diese Geister des Jihad von einem Kriegsschauplatz zum nächsten zu lotsen, um sie ja weit weg von sich zu wissen.
 
Diese Strömungen destabilisieren aber nicht nur ein Land, sondern eine gesamte Region droht daran auseinander zu brechen. Ohne aktive Unterstützung von staatlichen Institutionen, insbesondere Saudi Arabiens und Qatars, aber auch der USA, Grossbritannien und Frankreichs, wäre das alles nicht möglich. Die wahhabitischen Krieger in Syrien halten sich nicht an eine Agenda des Westens, genau so wenig wie es die Mujahedeen in Afghanistan in der 1980er Jahren taten, sondern verfolgen eigene Pläne und Ziele, die den Zielen des Westens diametral entgegenlaufen. Trotzdem werden sie um jeden Preis unterstützt, um das Bild einer imaginären Bedrohung aufrecht zu erhalten, auf Kosten der einheimischen Bevölkerung, die von all dem nichts wissen will. Diese Politik des Westens hat bereits dafür gesorgt, dass der Irak allmählich wieder im Chaos versinkt, dass sämtliche staatliche Strukturen in Syrien zerstört wurden und es keinen Weg mehr zurück gibt und auch die Lage im Libanon sich dramatisch zugespitzt hat.

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