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Die Stunde der linken Trittbrettfahrer

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Grafik: Info8.chLinke Effekthascher von den Jusos bis zu Jean Ziegler haben die Schweizer Occupy-Bewegung unterwandert. Die ursprüngliche Stossrichtung wurde zu Wahlkampfzwecken verwässert oder aufgrund ideologischer Zwänge abgeschwächt. Die so viel versprechende Protestwelle droht in gespaltenen Lagern zu versanden. Der Blick aufs Ganze geht verloren
Die sog. Occupy-Bewegung nahm ihren Anfang in New York, als sich weite Teile politisch unzufriedener US-Bürger gegen die Profitgier an der Wall Street aufzulehnen begannen. Die Demonstrationen wurden immer grösser und ziehen sich nun schon über Wochen hin. Die Welle hat sich inzwischen in rasantem Tempo über den ganzen Globus ausgedehnt. Ende September von der Graswurzelbewegung „WeAreChange Switzerland“ und der Gruppe „Echte Demokratie jetzt!“ initiiert, erreicht der Protest am Samstag, 15. Oktober 2011, auch die Schweiz.
 
Das Motto, das von New York aus um die Welt geht und auch auf den Zürcher Paradeplatz getragen werden soll, heisst „We are the 99%“. Sinngemäss: Wir sind die 99 % der Menschen, die sich nicht länger von den mächtigsten 1 % alles diktieren lassen wollen. Auf Facebook haben bislang über 1‘350 User ihre Teilnahme angekündigt (Stand: 13. Oktober 2011).
 
Interessant zu beobachten ist, wer hierzulande in Zeiten des nationalen Wahlkampfs die Nähe zur Protestbewegung sucht. In der Tat: Empörte Menschen, die auf die Strasse gehen, um gegen eine ungerechte Polit- und Wirtschaftsordnung zu demonstrieren, sind eine ideale Zielgruppe für erlebnisorientierte Schein-Oppositionelle. Eine Anbandelung mit „Occupy Paradeplatz“ schafft einer Partei die Möglichkeit, neue Wähler oder Sympathisanten zu gewinnen und eine breite öffentliche Aufmerksamkeit zu generieren. Dazu bietet sie der eigenen Klientel etwas Action, was gut für die Mobilisierung ist.
 
Spalter der Occupy-Bewegung: David RothDas Verdrängungsmanöver
Das muss sich auch David Roth, Präsident der Schweizer Jungsozialisten, gedacht haben. Nachdem sich ein beträchtliches Aufmarschpotenzial abzeichnete, suchte Roth den Kontakt zu „WeAreChange“. Sein Plan: Den Occupy-Widerstand unter das Banner seiner Juso zu pferchen. Halt ein weiterer Coup in der Wahlagenda des Semi-Provokateurs. Aber zuerst mussten noch die ungeliebten Aktivisten von „WeAreChange“, die es wagten, ihm zuvor zu kommen, ins Abseits gedrängt werden.
 
So berief Roth für am Montag, 10. Oktober, eine Vollversammlung im Zürcher Volkshaus ein, um alle an „Occupy Paradeplatz“ interessierten Kräfte an einen Tisch zu bringen. In der Hoffnung, die Aktivitäten damit möglichst breit abstützen zu können, willigten die Vertreter von „WeAreChange“ ein. Ihre Bedingung: Die Occupy-Bewegung soll für alle offen bleiben und auf eine einseitige Parteienprofilierung verzichtet werden. Ihre Dialogbereitschaft mit den Linken signalisierte „WeAreChange“ in einer E-Mail vom 7. Oktober.
 
Doch die jungen Aktivisten hatten die Rechnung ohne David Roth gemacht. Zusammen mit einem Bündnis von der PdA, Alternativen Liste, Grünen, Gewerkschaftern und Einzelpersonen aus der linken Szene mobilisierte er den Grossteil der über 100 Vollversammlungs-Teilnehmer und machte sich mit seinen Komplizen daran, den ursprünglichen Charakter der Occupy-Bewegung nach seinen Zielen umzukrempeln. Sogar der Genfer Sozialisten-Guru Jean Ziegler soll seine Teilnahme an den Aktivitäten angekündigt haben.
Wo sich die Proteste an der Wall Street gerade dadurch auszeichneten, niemanden auszugrenzen und sich jeder Vereinnahmung durch bestimmte politische Lager zu widersetzen, bezwecken Roth und Co., die Occupy-Zielgruppe auf das linke Milieu einzuschränken. Wer diese Direktive nicht mitträgt, wird unter dem Vorwand eines „schön basisdemokratischen Entscheids“ an den Rand gedrängt. Der Geist der New Yorker Demo-Pioniere wird mit Füssen getreten.
 
Klassenkampf statt Probleme an der Wurzel zu packen
Bild: pic-upload.deWollte „WeAreChange“ zu Beginn grundsätzliche Kritik am Aufbau des weltweiten Finanzsystem ins Zentrum stellen, setzten sich die Linken mit ihren verstaubten Klassenkampfparolen durch. Damit befriedigen sie zwar ihr eigenes Klientel, aber den Rest der Gesellschaft sprechen sie nicht an. Von „WeAreChange“ und „Echte Demokratie jetzt“ angedachte Slogans wie „Echte Demokratie statt Finanzfilz“ oder „Nein zur Anbindung des Frankens an den Euro“ passte den Linken nicht. Man ist noch immer nicht fähig, über den eigenen Schatten zu springen und sich einzugestehen, dass das zentralistische Monstergebilde EU mitsamt der undurchdachten Einheitswährung Euro gescheitert ist und genau von jenen Kreisen forciert wurde, die man nun zu bekämpfen gedenkt. Dass die traditionelle EU-Treue statt dessen fraglos weitergetragen wird, ist die grosse Lebenslüge der politischen Linken in der Schweiz.
 
Der zentralistische EU-Einheitsstaat ist ein bürgerfernes, neoliberales Machtkonstrukt, das den Menschen von seinen Wurzeln entfremdet. Staaten sind kein Lebensraum mehr, nur noch Wirtschaftsstandorte. Mit dem EU-Pfeiler Personenfreizügigkeit wird der Mensch zum Humankapital degradiert, das zum Nutzen der Grosskonzerne zwischen den Märkten hin und her zu verschieben ist. Die EU ist nicht nur anti-freiheitlich, sondern auch anti-sozial. Doch die Linken blenden diese Zusammenhänge aus. Auch über die Tatsache, dass Zentralbanken die Macht besitzen, Geld aus dem Nichts zu schaffen – ohne dass dafür ein real existierender Gegenwert entsteht – schweigen sich die Linken aus. Schweizer Goldverkäufe, die US-Notenbank (FED) in privaten Händen, der Einfluss geheimer Machtzirkel wie der Bilderberger – für die Linken nicht der Rede wert.
 
Statt dessen erdreistet sich Juso-Präsident Roth, in den Medien über das Umfeld der Schweizer Occupy-Vorkämpfer um „WeAreChange Switzerland“ herzuziehen. Die Gruppe werde überschätzt und ihr Mobilisierungspotential tendiere gegen Null, posaunt er kaltblütig herum. Gegenüber Tagesanzeiger.ch distanziert sich Roth gar offen von den Change-Pionieren – ohne den Vertretern von „WeAreChange“ jemals direkt ins Gesicht mitgeteilt zu haben, was ihn konkret stört. Man staune: Zuerst bemüht sich das Chamäleon David Roth, „WeAreChange“ vordergründig mit ins Boot zu holen, nur um der Bewegung anschliessend wortreich das Messer in den Rücken zu rammen. Dass die „WeAreChange“-Stammtische regelmässig aus allen Nähten platzen, ihre Webseite täglich aktualisiert wird und ihre Info-Anlässe immer gut besucht sind, sei hier mal nur am Rande erwähnt.
 
Sie lassen sich weiter spalten
Es ist nicht das erste Mal, wo Schweizer Jungsozialisten die sog. „Wahrheitssuchenden“ abservieren und via Medien verunglimpfen. Schon anlässlich der Gegenaktivitäten rund um die diesjährige Bilderberg-Konferenz in St. Moritz distanzierten sich die Jusos von den anderen Demonstranten und verschrien diese als „Verschwörungstheoretiker und Scheindemokraten“.
 
Die Jusos scheinen nicht begriffen zu haben, dass sie mit ihren Attacken auf „WeAreChange“ genau nach der Pfeife jener 1 % tanzen, die sie angeblich bekämpfen wollen. Das wirkungsvollste Machtprinzip ist seit Jahrhunderten die Losung „Divide et Impera“ (Spalte und Beherrsche). Ein Widerstand wird am effektivsten geschwächt, wenn die oppositionellen Kräfte sich gegenseitig zerstreiten.
 
In diesem Sinne bleibt zu hoffen, parteitaktisch orientierte Scheuklappen-Politiker erleiden Schiffbruch und die friedliche Masse sucht nach dem grössten gemeinsamen Nenner und lässt sich nicht spalten.
 
Weiterführende Infos:
 
 
 
 
 

Kommentare  

 
0 #4 GB 2011-10-17 01:51
Hmmm, aber wenn Anian Liebrand als Präsi der Jungen SVP Luzern einen solchen Artikel schreibt, hat das mit Wahlkampf natürlich nichts zu tun.
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+1 #3 Laila 2011-10-16 03:01
Toller bericht, danke!! Finde den Protest im gesamten jetzt trotzdem auch gelungen, das Verhalten der Juso+ Anhängsel aber absolut inakzeptabel..hat einfach nur gestört....danke an alle die gekommen sind!!!!
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+1 #2 Josef Kreher 2011-10-16 01:14
David Roth hat diese Bewegung für sich versucht zu vereinnahmen.Ich hoffe, dies wird vom protestierenden Volk nicht goutiert. Schade aber, dass die Juso entgegen den Abmachungen am ganzen Paradeplatz ihre Fahnen zeigten.
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+3 #1 Wachsamer 2011-10-15 18:13
Guter Bericht. Es hat leider immer ein paar Machtgeile, Gehirngewaschen e oder sonstige Lobbyisten drunter, ich sehe den Protest aber jetzt schon als sehr gelungen an. Danke an wearechange!
Mit einem gemeinsamen Nenner könnte es doch aber klappen oder nicht?
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